Pakistan – Ein Brief von P. Steger

Alles fängt im Herzen an

Kaum einer hat sich mehr mit Pakistan beschäftigt als der Südtiroler Josef Missionar P. Leonhard Steger. Bereits seit 50 Jahren ist er als Missionar, Pfarrer und Projektleiter in Pakistan tätig. Der Olanger hat sein Herz jenen Menschen in Pakistan geschenkt, die unterdrückt und vernachlässigt werden. Am 7. November 2016 schrieb uns P. Leonhard Steger folgende Antwort auf die Frage: Wie erlebst du Pakistan?

„Ich finde es nicht zu leicht in Worten auszudrücken wie man Pakistan erlebt. Man müsste von sich herauskriechen, um in die Welt von hier hineinzugelangen.

Das Land hat einen sehr großen Wandel durchgemacht. Wie überall, so gibt es auch hier viel Gutes, aber auch viel Korruption.

Siebenundzwanzig Tage war ich im Schiff von Venedig bis Karachi. Man nahm mich gut auf, ich hatte gute Pfarrer, mit denen ich arbeiten konnte. Als Missionar wird man sehr oft gefragt, wie viele Menschen man bekehrt hat. Ich muss sagen, dass ich noch keinen Moslem bekehrt habe. Ich finde Bekehrung ist wohl nicht die Hauptsache meines „Hierseins“. Ich sehe es nicht in der Bekehrung, sondern im Umkehren. Umkehr bewirken. Ich bin tief überzeugt, unsre Arbeit ist im Dienen und Lieben. Die Bekehrung ist Gottes Sache. Im Dienen kann man etwas zum Guten fördern. Hier im Lande ist es wohl das Gegenteil, man will bedient werden unddann liebt man. Leider findet sich auch in kirchlichen Kreisen mehr das „Ich“ als das „Du“.

In den 5 Pfarreien, in denen ich diese 50 Jahre arbeitete, waren die Kinder meine große Sorge: sie in die Schule zu bringen. Es war oft sehr schwierig, die Eltern zu überzeugen, dass Erziehung wichtig ist. Es gibt in Pakistan keine Schulpflicht. Man muss die Lehrpersonen bezahlen. So braucht es Schulgeld. In allen Stationen konnte ich mit den Leuten Häuserprojekte anfangen und es ging gut. Nicht dass man allen ein Haus bauen konnte, sondern es war mehr ein Zeichen zu geben, dass es möglich ist und das Beispiel hat gefruchtet, sodass viele selber angefangen haben zu bauen. Oder in Peshawar in 27 Slums bauten wir 9oo Toiletten und Abwässerungskanäle. Ich hatte gute Mitarbeiter. Auch hier in Sargodha konnte ich mit Hilfe der Regierung, des Lande und Mission einige Projekte realisieren. Ich sah wohl die Hauptaufgabe, die Christen im Glauben zu stärken. Anfangs mussten wir alle Materialien für den Unterricht selber zusammenstellen. Nur langsam kam die Institution und produzierte Material. Es hat Vorteile, aber auch Nachteile, dass man selber weniger Material für den Unterricht zusammenstellen braucht. Die persönliche Initiative wird weniger. Wir versuchten möglichst viele Leute bei der Liturgie mit einzubeziehen.

In meinem Leben hier musste ich viel umdenken und lernen. So auch die Beziehung zu den Frauen. Man gibt nicht die Hand, sondern legt die Hand auf den Kopf. Man geht in kein Haus, wo die Frauen allein sind. Man ist sehr besorgt, dass die Ehre nicht verletzt wird. Die Ehre ist für die Familie und für den Einzelnen fast das Wichtigste. Da kann es großen Streit und Gerichtsfälle geben, um die Ehre zu retten. Sie ist fast wichtiger als Gott. Ich habe keine Schwierigkeiten mit den Moslems. Sie lieben die hl. Maria, man kann sagen, sie ist das Tor zu den Moslems. Die Moslems ehren Jesus als Prophet. Das Problem ist mit der Gottheit Jesu. Das Blasphemiegesetz ist sehr schwierig und gefährlich. Man kann fast sagen, es ist eine Falle, die man irgendwo aufstellen kann.

Hier in Sargodha, wo ich schon 12 Jahre bin, konnte ich viel aufbauen. Man soll sich nicht selber loben. Ich finde, dass der Geist in den Leuten da ist und man kann ihm eine Gestalt geben. Es braucht ein Zugtier, wenn man es so ausdrücken kann. Wir haben hier 50 Dörfer zu betreuen. Sie brauchen einen Ort, wo sich die Christen treffen können. Die Kirchen sind dazu da und sie werden auch oft für Gemeinschaftszwecke benützt, wie die 12 Nähzentren, die wir in der Pfarrei haben. Sie arbeiten sehr gut und nach dem Jahreskurs können die Mädchen (Christen und Moslems) selber etwas verdienen. Sehr hilfreich in der Pfarrei sind die 35 Rosenkranzgruppen mit Frauen. Sie beten jeden Tag den Rosenkranz, gehen zu den Kranken und helfen in der Kirche bei besonderen Anlässen. Wir haben 12 Katechisten, die uns 4 Priestern in der Pfarrei beistehen. Wir haben in der Pfarrei 16 Katholische Schulen. Im Allgemeinen gehen sie gut. Der Religionsunterricht ist gut; die Moslems haben Islamiat. Wir haben viele Aktivitäten in der Pfarrei, was das Leben interessant macht. Jeden Monat haben wir einen Tag für die Armen, die etwas Hilfe für den Monat bekommen. 40 Familien haben wir ausgesucht, meist mit kleinen Kindern, deren Vater gestorben ist.

Ich bin gerne hier und die Kraft geht wohl von Innen aus. Ich bin dankbar, denn ich fühle, Gott hat mich gern. Er hilft mir weiterzugehen. Man braucht sich dann nicht allzu viele Sorgen machen. Es geht und man kann einfach den Tag etwas salzen und die Nacht etwas erleuchten. Ich versuche im Heute zu leben und dem Geist, der alles leitet, die Hände zu reichen. Man fühlt sich ganz klein und schwach, doch vielleicht ist das die Größe im Innenaufbau des Landes, der Menschen, denen man begegnet. Ich bin sicher, wir arbeiten nicht in einem Ameisenhaufen, sondern im Aufbau für ein besseres Morgen. Der Tisch ist gedeckt und lädt ein, zusammen zu dienen.

Was ich dem Land wünschen möchte und wofür ich bete, dass es mehr Freude gibt, wo das Lachen nicht als schlecht gesehen wird, wo Musik nicht verdammt wird, wo Worte ihren Wert bewahren, wo man Freude an der Freude des Anderen haben darf, wo Liebe nicht im Ich wächst sondern im Du, wo der Lärm nicht die Stille tötet, wo das Eingangstor größer ist als das Haus, wo man das Unsichtbare mit Kinderaugen sieht. Ja, der Tisch ist gedeckt, die Einladung ist da, alles fängt in meinem Herzen an.“

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